Es gibt Tage, da stolpere ich immer wieder über dasselbe Muster. Unterschiedliche Situationen, unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Kontexte – und doch bleibt am Ende dieselbe Erkenntnis:
Verantwortung wird nicht mehr übernommen. Sie wird ausgesperrt, verschoben, verweigert oder schlicht ignoriert.
1. Handyverbot in Schulen – Verantwortung ausgesperrt
An der Schule meines Sohnes gilt seit kurzem ein striktes Handyverbot. Morgens werden die Geräte eingesammelt, nach Schulschluss wieder ausgeteilt. Wer trotzdem erwischt wird, muss nachsitzen.
Die Begründung klingt vernünftig: weniger Ablenkung, mehr Konzentration.
Die Realität ist absurd: Wir sperren Digitalisierung einfach aus, anstatt die Kinder im Umgang mit ihr zu begleiten. Medienkompetenz entsteht nicht durch Verbote, sondern durch verantwortungsvolles Lernen.
Die Verantwortung, Schülerinnen und Schüler auf eine digitale Welt vorzubereiten, wird einfach ausgesperrt.
Natürlich muss man Kinder begleiten, wenn sie Verantwortung lernen sollen. Den Umgang mit Streichhölzern oder mit einem Feuerzeug bringen wir ihnen ja auch bei – nicht indem wir sie einfach wegsperren, sondern indem wir sie schrittweise lernen lassen, was es bedeutet, vorsichtig und verantwortungsvoll damit umzugehen. Beim Smartphone aber gehen wir den entgegengesetzten Weg: Wir sperren es aus. Und genau da entsteht die Frage: Was lernen Kinder wirklich?
2. Hausaufgaben-Plattform – Verantwortung verschoben
Am Elternabend hiess es zunächst: «Die Kinder sollen jetzt eigenständiger werden, Verantwortung übernehmen, sich auf Bewerbungen vorbereiten.»
Wenige Minuten später: «Ich habe eine Plattform eingerichtet, auf der Eltern jederzeit Hausaufgaben und Prüfungstermine sehen können – damit die Kinder nichts vergessen.»
Das klingt nach Unterstützung, ist aber das Gegenteil: Verantwortung, die eigentlich in der Schule und bei den Schülerinnen und Schülern liegt, wird auf die Eltern verschoben.
Eigenständigkeit wird versprochen – Kontrolle geliefert.
3. Videoüberwachung – Verantwortung verweigert
Bei uns im Quartier sind Kameras installiert. Die Polizei weiss Bescheid und verweist auf die Hauswartung. Die Hauswartung wiederum sagt, sie wisse von nichts. Der Chef des Hauswarts erklärt später, doch, Herr XY sei zuständig.
Am Ende bleibt nur Verwirrung. Niemand sagt klar: «Ja, ich habe Zugriff, und ich gehe verantwortungsvoll damit um.» Oder: «Nein, ich habe keinen Zugriff, das liegt bei jemand anderem.»
Statt Klarheit gibt es Ausflüchte. Statt Verantwortung gibt es Schweigen.
Wer Verantwortung verweigert, zerstört Vertrauen – und erzeugt Misstrauen.
4. Restaurant-Erlebnis – Verantwortung ignoriert
Fast jeden Tag sitze ich im Restaurant im Quartier, trinke Kaffee, arbeite, esse.
Die letzten Wochen läuft in der Küche laut Musik – so laut, dass es sich anfühlt, als sässse man in einer schlechten Disco. Zwei verschiedene Songs gleichzeitig, einer aus der Küche, einer aus den Lautsprechern.
Dass ein Gast da sitzt, scheint niemanden zu interessieren. Es wird einfach ignoriert. Keine Frage, ob es stört. Keine Aufmerksamkeit für das Befinden des anderen.
Auch hier: Verantwortung wird nicht übernommen, sondern vergessen.
5. Der rote Faden
Vier Situationen, vier Orte, vier Welten. Doch immer wieder das gleiche Muster:
- Verantwortung ausgesperrt.
- Verantwortung verschoben.
- Verantwortung verweigert.
- Verantwortung vergessen.
Und das, was eigentlich einfach wäre – ehrlich zu sagen «Ja, das liegt bei mir» oder «Nein, das ist nicht mein Bereich» – scheint zu schwer.
6. Am Wendepunkt
Es ist nicht schlimm, wenn man etwas nicht weiss.
Es ist nicht schlimm, wenn man Fehler macht.
Es ist nicht schlimm, wenn man Unterstützung braucht.
Schlimm ist, wenn man Verantwortung so lange verschiebt, bis keiner mehr sie trägt.
Denn genau dann wächst Misstrauen. Genau dann entsteht das Gefühl, dass alles auseinanderfällt.
Wir brauchen wieder mehr Menschen, die den Mut haben, klar zu sagen:
«Ja, das liegt bei mir. Und ich stehe dafür ein.»