Vor Kurzem sprach ich mit einer Bekannten aus Deutschland.
Sie erzählte mir, dass in Baden-Württemberg wieder Zugangstests fürs Gymnasium eingeführt wurden.
Ich lebe in der Schweiz und hatte das gar nicht mitbekommen.
Für sie klang das zunächst gar nicht so falsch – vielleicht sogar sinnvoll, um die Entscheidung strukturierter zu gestalten.
Aber das Gespräch brachte mich ins Grübeln:
Was sagt es über ein Bildungssystem aus, wenn Kinder im Alter von zehn Jahren durch Tests sortiert werden?
Und was bedeutet das – nicht nur für einzelne Kinder, sondern für unsere Gesellschaft insgesamt?
Wer profitiert von einem System, das sortiert statt entwickelt?
Wie soll eine Gesellschaft wachsen, wenn sie sich vor allem am Bestehenden orientiert?
Wie wollen wir Zukunft gestalten, wenn junge Menschen früh lernen, dass gute Noten in Deutsch und Mathe über ihre Wege entscheiden?
Was bedeutet es, wenn Eltern nicht mehr frei entscheiden dürfen, welche Schulform für ihr Kind passt – sondern ein Zugangstest die Richtung vorgibt?
Und was heisst das für die Kinder, die in dieser Logik aufwachsen?
Der Blick in die Schweiz – und warum der Vergleich nicht ganz aufgeht
Im Gespräch kam der Vergleich mit der Schweiz auf:
„Bei euch ist das doch noch viel strenger! Da müssen Kinder richtige Prüfungen machen, um ins Gymnasium zu kommen.“
Stimmt – aber: In der Schweiz geht die Primarschule bis zur sechsten Klasse.
Die Kinder sind also zwei Jahre älter, wenn sie beurteilt und eingeordnet werden.
Macht das nicht einen erheblichen Unterschied – emotional, kognitiv, entwicklungspsychologisch?
Wenn in Deutschland hingegen schon Zehnjährige über Tests und Empfehlungen sortiert werden – wie viel Raum bleibt da noch für Reifung, Umwege oder echte Entfaltung?
Was macht das mit Kindern – und mit uns?
Viele Eltern wünschen sich, dass ihr Kind die bestmöglichen Chancen bekommt.
In der heutigen Logik bedeutet das häufig: Gymnasium.
Ist es dann verständlich, dass in der Grundschule zunehmend Druck entsteht – bewusst oder unbewusst?
Aber was lernen Kinder daraus?
Lernen sie, wie man denkt, fühlt, entdeckt?
Oder lernen sie, dass man früh funktionieren muss, um dazuzugehören?
Fördern wir damit wirklich Vielfalt – oder eher Vergleichbarkeit?
Entsteht daraus eine gesunde Bildungslandschaft – oder eine stille Hierarchie von Wegen?
Und was macht es mit einem Kind, wenn es sich mit zehn Jahren schon „einsortiert“ fühlt?
Und was hat das alles mit unserer Gesellschaft zu tun?
→ Darum geht es im zweiten Teil:
„Warum wir neu denken müssen, wenn wir wirklich wachsen wollen.“